Wohlfühlort Bad Reichenhall?

Über die nazistische Altlast im Kurstädtchen und der restlichen Provinz

Am gestrigen Samstag fand zum zweiten Mal eine Demonstration für die Entnazifizierung und Entmilitarisierung Bad Reichenhalls statt. Die Demo wurde vom Rabatz-Bündnis organisiert.
Das äußerst gelungene Mobi-Video könnt ihr euch hier anschauen.
Auch zwei von uns waren vor Ort, um sich ein Bild von dem spießigen Kurort mitten in der oberbayerischen Provinz zu machen, „wo [laut dem Motto des Kurortes] die Zeit Urlaub macht“.
Dieser großartig doppeldeutige Slogan wurde auch dieses Jahr wieder vom Bündnis für die Demo aufgegriffen:

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Das Logo der Stadt (Grafik: Bad Reichenhall)

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Der Flyer der diesjährigen Demo

Begrüßt wurden wir neben einer noch recht kleinen Gruppe an Demonstrant*innen von friedensbewegten Menschen, die uns mit ihren Schildern „Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus“ unmissverständlich klar machten, dass sie den „Schwur der Überlebenden von Buchenwald“ lieber nach ihren eigenen Vorstellungen interpretieren. Der Schwur stellt unter anderem die Dankbarkeit gegenüber dem Kampf der Alliierten gegen den Nationalsozialismus und eben nicht ein Plädoyer gegen militärische Interventionen dar.
Auch wenn uns der Anblick dieser Schilder zu einem genervten Augenrollen zwang, war dieses Thema nicht – zumindest nicht direkt – Bestandteil der Forderungen der Demo, schließlich handelte es sich nicht um den 8. Mai.

Vielmehr sollte diese auf die untragbaren Zustände in dem Provinzstädtchen aufmerksam machen. So finden sich dort die 1966 nach dem Nazigeneral Rudolf Konrad benannte örtliche Kaserne sowie die drei Jahre später eingeweihte „Kreta-Brücke“.
Am 20. Mai 1941 wurde Kreta von der deutschen Wehrmacht angegriffen und bis kurz vor Ende des zweiten Weltkrieges besetzt. Die Wehrmacht machte sich vor Ort zahlreicher Kriegsverbrechen schuldig, welche in dem letztjährigen Aufruf zur Demo dokumentiert wurden.
In Bad Reichenhall, wo die damals dort stationierten Gebirgsjäger unter anderem an dem Übergriff auf Kreta beteiligt waren, eine Brücke nach diesem Ort zu benennen, ist nichts anderes, als eine Glorifizierung deutscher Gräueltaten.
Auch wenn von Seiten des Bundesverteidigungsministeriums mittlerweile angekündigt wurde, die Kaserne umzubenennen, bleibt abzuwarten, ob dies auch zu einem grundlegenden Wandel im Umgang der Stadt und ihrer Bevölkerung mit ihrer Vergangenheit führt, oder nur dem Verwischen von allzu auffälligen Symptomen dient.
Neben diesen Benennungen, die eindeutig auf eine unzureichende Entnazifizierung der Stadt hinweisen, duldet die Stadt nicht nur die jährlich stattfindende „Kreta- und SS- Gedenkfeier“, sondern unterstützt sie ideell durch die Anwesenheit des CSU-Bürgermeisters Herbert Lackner.
Die geschichtsrevisionistische und glorifizierende Gedenkfeier wird jährlich von den örtlichen kameradschaftlichen Gebirgsjägern organisiert. Diese braune Gruppe wurde von eben jenem Nazigeneral Konrad gegründet und blieb bis heute bestehen.

Erst vergangenen Samstag [bezieht sich auf den 12. Mai 2012, Anm. d. A.] konnte in Bad Reichenhall am Kugelbach ein SS-Gedenken störungsfrei stattfinden bei dem sich ca. 70 Neonazis zusammenfanden. Bei der letztjährigen SS-Feier waren auch die beiden verurteilten Rechtsterroristen Martin Wiese und Karl-Heinz Statzberger anwesend, die 2003 wegen einem geplanten Sprengstoff-Attentat auf die Grundsteinlegung des jüdischen Kulturzentrums in München inhaftiert wurden.
Am kommenden Dienstag soll in Bad Reichenhall, unter Beteiligung der Bundeswehr, wieder die sogenannte „Kretagedenkfeier“ des örtlichen Kameradenkreis der Gebirgstruppen stattfinden. Der oftmals als „Selbsthilfegruppe für Kriegsverbrecher“ bezeichnete Kameradenkreis wurde u.a. von dem als „der Schlächter von der Krim“ bekannten Nazi-General Rudolf Konrad gegründet.

(http://badreichenhall.tk/)

Auch das Verhalten der Polizei in diesem Jahr sollte nicht unerwähnt bleiben. Nachdem völlig unverhältnismäßig nahezu alle Demonstrant*innen nach ihrem Eintreffen am Hauptbahnhof ihre Personalien angeben und sich durchsuchen lassen mussten, prasselten diverse schikanierende Auflagen (bzgl. der Länge der Fahnenstangen, des Abstandes zwischen Transparenten und dem ewig leidigen Thema der „Vermummung“) auf die Teilnehmer*innen nieder. Auch während der Demonstration stoppten die Einsatzkräfte aufgrund nichtiger Belange mehrfach den Zug.

An dieser Stelle sei noch betont, dass es sich bei Bad Reichenhall keineswegs um einen Einzelfall handelt. In Bayern, besonders in Oberbayern, lassen sich zahlreiche andere Orte finden, an denen Geschichtsrevisionismus und die Heroisierung deutscher Täter*innen vorherrschen. So zum Beispiel in Mittenwald: Auf dem dortigen Hohen Brendten steht ein „Ehrenmal“ für die Gefallenen der Gebirgstruppe während der beiden Weltkriege. An diesem Ort hält der „Kameradenkreis Gebirgstruppe“ jährlich eine Feier zum Gedenken an „unsere gefallenen, vermissten und verstorbenen Kameraden“ ab.
Seit einigen Jahren wird der Zusatz „und alle Opfer von Krieg, Terror und Gewalt“ hinzugefügt, um den tatsächlichen Grund dieser geschichtsvergessenen Zusammenkunft zu kaschieren.
Spätestens mit Blick auf das Programm der diesjährigen Feier, das neben einem Fahneneinmarsch (sic!) selbstverständlich auch das Spielen der Bayern- und der Deutschlandhymne vorsieht, erscheint dieses Alibi-Zugeständnis an Kritiker*innen des Gedenkbrauchtums einfach nur lächerlich. Verstärkt wird das beispielsweise noch durch ein Schreiben des Kameradenkreises aus dem Jahr 2005 , in dem sie klar Stellung beziehen: „Im Gegensatz zu diesen [gemeint sind die Menschen, die gegen die Gedenkfeiern aktiv waren; Anm. d. A.] bekennen wir (Kameradenkreis der Gebirgstruppe) uns zu unserem freiheitlich demokratischen Rechtsstaat. Wir stehen für unseren Staat ein. Wir lehnen Extremisten von links und rechts ab! Wir lieben unser Land und unsere Heimat. Wir stehen in kameradschaftlicher Verbundenheit zu unserer Bundeswehr und unterstützen aktiv unsere Gebirgssoldaten bei ihren Einsätzen.
Bis 2007 mobilisierte die Gruppe „Angreifbare Traditionspflege“ gegen die Gedenkfeier.
An solchen Beispielen erkennt man, wie tief verwurzelt die Verdrehung der Geschichte und die Glorifizierung deutscher Verbrechen in der süddeutschen Provinz ist.

Unser kurzer Spaziergang durch die Fußgängerzone im Anschluss an die Demo in Bad Reichenhall, der eigentlich nur dazu gedacht war, ein Eis zu essen, bestätigte uns nochmal in unserer tiefen Abneigung gegenüber dem gutdeutschen Kurort. Vielleicht lassen sich hier noch die letzten Kriegsveteranen ihre Füße massieren? Jedenfalls waren wir denkbar froh, als wir diese idyllische Einöde wieder verlassen hatten.